Freiwilliger Verzicht

Klasse 10d verzichtet einen Tag auf SMS, Facebook und Computerspiele

STADTLOHN - Für einen Tag steht das virtuelle Hamsterrad still, in dem sie sich befinden. Einen Tag lang reagieren sie nicht auf SMS, die hereinprasseln wie Hagelschauer. Sie melden sich auch nicht bei Facebook an. Am Dienstag holt die Klasse 10d der Herta-Lebenstein-Realschule die Zeit zurück.Die Klasse 10d. Zwei Dutzend aufgeschlossene, aufgeräumte Gesichter. Schüler, die irgendwann mal die Pausentaste gedrückt haben. Das war im Dezember, als jemand sich unter falschem Namen bei Facebook angemeldet hat und im Internet andere bloßstellte. Da fingen sie an, sich mit der Flut von Informationen zu beschäftigen, die wie ein Zunami über die Schüler hinwegrollt.

200 SMS schreiben manche von ihnen am Tag. Bei Louis Thesing sind es ungefähr 100, "vielleicht 120", schätzt der Zehntklässler. Was Deutschlehrer Andreas Walde wirklich aufregt, ist der Nachrichteninhalt: "Das ist der reinste Stuss. Zum Beispiel so etwas wie 'Du hast eine hässliche Nase." Seit es Flatrates gäbe, schickten die Schüler noch mehr SMS.

Klingeln im Unterricht

Als während des Unterrichts einmal ein Handy klingelte, stellte er fest, dass die SMS von einem anderen Schüler aus dem Klassenraum kam. "Die sitzen bei einer Klassenfahrt zusammen im Bus und schicken sich gegenseitig Nachrichten", erzählt er. Am Jahresende haben sie zum ersten Mal einen "Day off" eingelegt: Keine Handys, keine Computer, keine Videospiele.

Die Videospiele. Bei Jan Herdes gehört der Computer ganz selbstverständlich in den Tagesablauf: "Erst essen, dann Hausaufgaben, dann PC." Wie lange? "Ach, ich weiß nicht, ich hab' das so nebenher laufen."

Ein anderer trifft sich nachmittags mit Schulfreunden. Nicht im Kino oder im Park, sondern im Internet zum Zocken. Wenn er mal nicht dort ist, fällt das auf: "Die sagen dann wir brauchen dich jetzt."

Das Handy. Louis greift jeden Morgen automatisch zum Telefon. "Ich schaue mir dann damit an, was auf Facebook passiert ist." Die Ungewissheit etwas nicht mitbekommen zu haben, nagt an ihnen allen. Klassenkameradin Sarah Höing weiß, wie es anfängt: "Man gewöhnt sich daran nachzusehen, wenn man Langeweile hat."

Grenze ziehen

Die 10 d hat beschlossen, eine Grenze zu ziehen. Am Dienstag will sie wieder einen Day off einlegen. Keine Handys, keine Computer, keine Videospiele. Andreas Walde hofft, dass sich noch mehr von der Aktion inspirieren lassen. Andere Klassen und auch über die Schule hinaus.

Der Day off ist freiwillig. Jeder entscheidet selbst, ob er es einen Tag ohne Facebook aushält. Die sozialen Netzwerke. Am Day Off, als die Welle aus Bildern und Kurznachrichten im Nichts versickerte, wusste Yvonne Magdziarz plötzlich nicht mehr, was sie machen sollte. Louis auch nicht. "Da habe ich ganz viel Sport gemacht."

Nadin Hussein hat sich gefragt, was es bei Facebook Neues geben könnte. "Aber ich wollte wissen, ob ich es auch ohne schaffe." Andreas Walde macht auch mit beim Day OFF: "Wir wollen das nicht als Verlust sehen, sondern dass wir Zeit für andere Dinge haben."

aus der Münsterland Zeitung vom 4. März 2013

© 2018 Herta-Lebenstein-Realschule - Burgstr. 38-42 - 48703 Stadtlohn