Medienscouts lotsen Mitschüler

Für ihre Mitschüler aktiv: die Medienscouts der Herta-Lebenstein-Real-
schule in Stadtlohn mit ihrer Lehrerin Nadine Wiedenbruch. FOTO: MLZ

STADTLOHN. Jugendliche ohne Smartphone? Gibt es nicht. Wie lernen Heranwachsende den Umgang mit dem Internet? An vielen Schulen helfen Medienscouts - an der Herta-Lebenstein-Realschule nicht grundlos ein Selbstläufer.
Wer durch die Aula der Herta-Lebenstein-Realschule geht, kann sie gar nicht übersehen: „Medienscouts" sind die großformatigen Plakate überschrieben. Zeiten mit Sprechstunden finden sich dort ebenso aufgeführt wie Infos zum persönlichen Datenschutz und das Versprechen: „Wir sind für euch da!" Im Stockwerk darüber sitzen elf Jugendliche in den typischen schwarzen Shirts mit der Aufschrift der Schule zusammen: der Gruppenraum der Medienscouts. Einer von ihnen ist Lukas Rathmer. Er gehört zu den beiden Zehntklässlern, die Schüler aus der Jahrgangsstufe neun zu neuen Medienscouts ausbilden. Denn sie werden gebraucht, davon sind die Schüler überzeugt: „Viele nutzen Apps wie Instagram, Snapchat oder Whatsapp, ohne sich über die Risiken bewusst zu sein oder zu wissen, wie sie sich dagegen schützen können", sagt Lukas Rathmer.
Die Erfahrung der Schüler in Stadtlohn spiegelt das Geschehen in einer ganzen Generation. Cybermobbing oder Gewaltvideos, illegale Musikdownloads oder das Hochladen von Fotos: Die Mediennutzung im Internet ist voller Fallstricke, gerade für Heranwachsende. Doch Pflicht-Thema im Schulunterricht ist das nicht. Die Medienscouts sollen das kompensieren. Seit 2011 gibt es das Programm in ganz Nordrhein-Westfalen. Seine Verbreitung ist von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich.
Das Grundprinzip war einfach: Interessierte Schulen bewarben sich bei der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), die die Medienscouts ins Leben gerufen hat. Vier Schüler und zwei Lehrer erhielten dann jeweils einen mehrtägigen Lehrgang. Mit Abstand folgte ein Aufbauworkshop. Auch mit dem Ziel, das Projekt an der Schule zu verstetigen. Die Idee: Ist das Medienscout-Projekt einmal mit vier Schülern gestartet, finden sich weitere Schüler, die mitmachen. Die Ausbildung bekommen sie von den geschulten Lehrern. Das Programm setzt sich so von alleine fort.
Nach sieben Jahren zeigen sich zwei Schwachpunkte: An vielen Schulen schlief das Projekt einfach wieder ein. Und: Schulen, die später einsteigen wollten, mussten die Schulungen selber finanzieren. Das führte zu einem Flickenteppich in NRW - jeder Kreis, jede Stadt hält es anders mit den Medienscouts. Auf Landesebene gibt es deshalb auch kritische Stimmen. So von Expertin Catarina Katzer. „Seit 2011 sind nur 2400 Schüler ausgebildet worden - ein Tropfen auf den heißen Stein. Von Erfolgsgeschichte also weit entfernt", sagt die Kölner Cyberpsychologin.
Aus Sicht der LfM ist die Zahl dagegen ein Erfolg. Man habe an 600 Schulen Medienscouts ausgebildet. In NRW gibt es allerdings rund 2080 weiterführende Schulen. „Wir haben keine Möglichkeit, Druck auf Schulen auszuüben", sagt LfM-Sprecher Peter Widlok. Das Projekt hänge immer von einzelnen Personen ab. „Wenn das nicht der Fall ist, kann ein Projekt auch einschlafen."
Im Gegensatz zu vielen anderen Kreisen in NRW ist der Kreis Borken sehr gut aufgestellt. 30 der rund 50 weiterführenden Schulen im Kreis haben Medienscouts ausgebildet, so auch in Stadtlohn, Vreden und Ahaus. „Bisher hat keine Schule im Kreis Borken das Programm aufgegeben", sagt Michael Hermes, Medienpädagoge im Medienzentrum Kreis Borken. Jedoch sei die gelebte Praxis „unterschiedlich intensiv". So ist das Beratungsangebot der Medienscouts an einigen Schulen in den Unterricht integriert, an anderen Schulen eher ein Angebot als Sprechstunde in der Pause.
Wichtig für das Projekt in der Region ist der politische Wille: Der Kreis Borken zahlt die Schulungen, nicht die Schulen selbst. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man das mit anderen Kreisen vergleicht. So hat seit 2013-2014 jedes Jahr - mit einer Ausnahme 2016 - eine Grundqualifikation stattgefunden. Aktuell nehmen sogar elf Schulen daran teil. Und auch die Verlängerung für 2018 ist schon bewilligt, „Schon jetzt haben mehrere Schulen Interesse bekundet", so Hermes.
Dass mehrere, auch verschiedene Schulformen zu den Schulungen zusammenkommen, hat für Hermes noch einen zusätzlichen, nicht eingeplanten Aspekt: „Es ist ein Vorteil für die Schulen, über den Tellerrand hinauszuschauen." Die Vernetzung will das Medienzentrum in Zukunft sogar noch ausweiten. Auch Förderschulen sollen dann im Zuge der Inklusion mitmachen.
Die Arbeit der Medienscouts an der Stadtlohner Herta-Lebenstein-Realschule besitzt viele Facetten. Der wichtigste Baustein: die Aufklärungsarbeit in den sechsten und siebten Klassen. Da gehe es meist auch um ganz praktische Fragen, die zum Beispiel die Möglichkeiten der einzelnen Apps betreffen, die Privatsphäre durch die richtigen Einstellungen zu schützen. Aber auch über das Thema Mobbing reden die Jugendlichen mit den jüngeren Schülern - mitunter auch in Krisenfällen, wenn es Anzeichen für Mobbing gibt. „Dann sprechen wir aber das Thema erst mal allgemein an", erklärt ein Medienscout. Aber auch die Sprechstunden seien sehr wichtig: Da können sich einzelne Schüler bei Problemen und Fragen melden.
An der Sinnhaftigkeit des Medienscout-Projektes zweifelt auf Landesebene niemand. Für Experten gilt der Ansatz, dass Jugendliche Gleichaltrige beraten, als erfolgreich. Dennoch kam in den vergangenen Wochen hinter den Kulissen Unruhe auf, was die Zukunft angeht. Überraschend verlängerte das LfM die Zusammenarbeit mit dem Marler Grimme-Institut nicht, das die Schulungen durchgeführt hatte. Das will nun die Landesmedienanstalt selbst machen. Ein Schritt, in dem manche Beobachter einen Einstieg in den Ausstieg aus dem Medienscout-Programm fürchten. LfM-Sprecher Peter Widlok widerspricht: „Medienscouts sind für uns wie Persil für Henkel." Ein Aushängeschild. Im Dezember beschloss die Medienkommission, das höchste Gremium der LfM, sogar eine zweijährige Verlängerung, auch wenn der Etat bei 75.000 Euro jährlich bleibt.
Seit dem Schuljahr 2014/15 ist die Herta-Lebenstein-Realschule mit eigenen Medienscouts im Projekt aktiv. „Das ist jetzt die vierte Generation, die mitmacht", berichtet Lehrerin Nadine Wiedenbruch. Sie freut sich über die Bereitschaft, mitzumachen, die sich in entsprechenden Zahlen bei den Kurswahlen niederschlägt. Schulleiter Stefan Wichmann lobt: „Toll, dass die Medienscouts den jüngeren Schülern helfen."
Und das nächste große Ereignis steht an, bei dem sie nicht fehlen werden: der Online-Aktionstag der Herta-Lebenstein-Realschule, die schon zum zweiten Mal als Medienscout-Schule ausgezeichnet wurde.

 

Viele Jugendliche von Cybermobbing betroffen

NRW. 73 Prozent der Eltern in Deutschland sorgen sich um die Sicherheit ihrer Kinder beim Surfen im Netz. Zu den Gefahren zählen sie Kontakt zu Fremden, verstörende Gewalt- und Pornografie-Inhalte, Datenklau, Viren - und Cybermobbing. Allesamt Themen, bei denen Jugendliche auch in den Schulen Rat bei Medienscouts bekommen können. Die Liste der Sorgen ist ein Ergebnis des ersten Jugendmedienindexes im Auftrag des Branchenzusammenschlusses „Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbeiter" (FSM). Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen den möglichen Bedrohungen und dem Alter der Kinder. Bei den Jüngeren sind es Inhaltsrisiken, die Sorgen bereiten: Also Inhalte, die für das Alter nicht geeignet sind. Umso älter die Kinder, desto größer werden Kontaktrisiken - von sexueller Belästigung bis zu Cybermobbing.
Dieses Phänomen treibt die Jugendlichen besonders um. 18 Prozent der Jugendlichen, gaben in der Studie an, dass ihnen Cybermobbing selbst schon mal passiert ist, Mädchen mit 21 Prozent häufiger als Jungen mit 15 Prozent. Das Thema Cybergewalt wird aktuell von der Landespolitik in den Blick genommen. Anlass war im Sommer ein offener Brief der Kölner Cyberpsychologin Catarina Katzer und des 13-jährigen Lukas Pohland. Der Schüler aus Schwerte hatte nach eigenen Cybermobbing-Erfahrungen eine Hilfe ins Leben gerufen. Diese gilt als Vorbild.
Ihren Vorstoß griffen die Grünen auf. In einem Antrag fordern sie, dass das Thema Cybergewalt grundsätzlich in der Lehreraus- und -fortbildung verankert werden müsste. Schulleitungen brauchten „eine besondere Unterstützung". Unterstützung, wie die Medienscouts.

aus der Münsterland Zeitung vom 23.01.2018

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